Wohnhäuser der „Baugenossenschaft Rosenheim“ an der Von-der-Tann-Straße, errichtet 1913/14

ca. 1913

Der Zuzug nach Rosenheim nach dem Eisenbahnanschluss 1857 sorgte für einen enormen Bauboom. Weil um 1900 insbesondere kleine und günstige Wohnungen fehlten, gründeten Eisenbahner eine Baugenossenschaft, die 1901/02 im Stadtviertel Küpferling die ersten Mietsblöcke errichten konnte. Die Idee, dass Mitglieder einer Genossenschaft Geld für den Wohnungsbau bereitstellten, um nach einiger Zeit eine Genossenschaftswohnung anmieten zu können, stammte ursprünglich aus England. Im Jahr 1908 fand sich eine Gruppe Rosenheimer Bürger zusammen, um eine eigene Genossenschaft zur Errichtung von Einfamilienhäusern für die Mittelschicht zu gründen. Diese nannte sich „Baugenossenschaft zur Herstellung von Einfamilienhäusern in Rosenheim und Umgebung“. 1911 änderte die Genossenschaft ihre ursprünglichen Ziele und ihre Struktur entscheidend: Nach dem Beitritt vieler neuer Mitglieder und einem Vorstandswechsel forcierte man statt Einfamilienhäusern nun den Bau von Mehrfamilienhäusern mit Kleinwohnungen. „Baugenossenschaft Rosenheim“ lautete der neue Name des Verbands. Vor allem Vorstandsmitglied Franz Breitenhuber, von Beruf Arbeitersekretär und zudem Mitglied im Kollegium der Gemeindebevollmächtigten, galt als Fürsprecher der Genossenschaft in der Öffentlichkeit. Im Juli 1913 konnte man schließlich mit dem Bau von 30 Wohnungen auf einem Grundstück in Küpferling beginnen. Die Unterstützung des Projekts durch die Stadtverwaltung war damals sehr umstritten. In den Sitzungen der Gemeindebevollmächtigten lieferte sich Franz Breitenhuber einen heftigen Schlagabtausch mit bürgerlichen Ratsherren, die eine in Rosenheim vorhandene „Kleinwohnungsnot“ energisch abstritten. Bürgermeister Josef Wüst sicherte der Genossenschaft jedoch eine Bürgschaft zu und übertrug die Bauleitung für das Projekt seinem Stadtbauamt.
Im Frühjahr 1914 waren die neuen Wohnungen bezugsfertig. Entstanden waren zwei Mehrfamilienhäuser, das Haus Von-der-Tann-Straße 6 mit zwölf Wohnungen und das Haus Von-der-Tann-Straße 8 mit 18 Wohnungen. Die Wohnungen hatten zwei, drei oder vier Zimmer. Die Verteilung unter den Genossenschaftsmitgliedern erfolgte per Los, was konfliktfrei funktionierte. Die Mieten betrugen zwischen 14,50 und 30 Mark im Monat; das Durchschnittseinkommen lag damals monatlich bei rund 100 Mark. Der „Rosenheimer Anzeiger“ lobte die Wohnungen als „licht und hell“ und urteilte: „Gewiss: Wohnungen mit herrschaftlichem Komfort sind es nicht […], aber es sind Wohnungen, die ihren Mietern gewiss willkommen sein werden.“

Text: Karl Mair
Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2020/5

« zurück zur Übersicht