Neue und alte Stadtpost am Ludwigsplatz, 1911
um 1911
Als im April 1876 der neue Bahnhof im Südwesten der Stadt fertiggestellt wurde, zog das Rosenheimer Postamt vom alten Bahnhof in den Westflügel des neuen Empfangsgebäudes um. Die größere Entfernung des neuen Bahnhofs vom Stadtkern löste jedoch den Wunsch nach einer eigenen Postfiliale in der Altstadt aus. Schon Ende 1876 wurde die Eröffnung eines Postamtes im Stadtkern genehmigt. Der Magistrat ließ dafür die ehemalige, Anfang des 19. Jahrhunderts säkularisierte Michaelskapelle unweit der Nikolauskirche umbauen. In der einstigen Kapelle sollte das Stadtpostamt nun 35 Jahre lang bestehen. Von 1883 an verfügte das Stadtpostamt auch über eine Telegraphenstation und 1893 errichtete man hier eine erste handbediente Umschaltstelle für das neue Rosenheimer Telefonnetz. Zunächst gab es 24 Teilnehmeranschlüsse in der Stadt, wobei das Interesse an einem eigenen Telefonanschluss in den folgenden Jahren kontinuierlich zunahm.
Ab Ende der 1890er Jahre gab es Bestrebungen, die beengte räumliche Situation des Stadtpostamtes in der ehemaligen Michaelskapelle zu ändern. So plante der Besitzer des benachbarten Hauses Ludwigsplatz 4, der Arzt Dr. Anton Bichlmayr, ein neues Wohn- und Geschäftshaus zu errichten, dessen Erdgeschoss die Stadtpost beherbergen sollte. Es dauerte bis zum Jahr 1910, bis Bichlmayr sein Projekt verwirklichte. Durch den Neubau sollte das bestehende Bichlmayr'sche Haus ersetzt und zudem ein größerer Abstand zur Stadtpfarrkirche erreicht werden. Der aus Rosenheim stammende Münchner Architekt Emil Schweighart plante einen dreigeschossigen, ruhig proportionierten Bau. Nach der Fertigstellung des Hauses eröffnete hier am 1. August 1911 das neue Stadtpostamt. Der Schalterraum enthielt einen Briefpost-, einen Paket-, zwei Reserve- und einen Postanweisungsschalter sowie einen Schalter für die Telegrammaufgabe. Außerdem gab es einige Schreibpulte sowie vier Telefonapparate.
Die Abbildung auf dem Kalenderblatt entstand 1911 kurz nach der Fertigstellung des neuen Stadtpostamtes. Rechts zu sehen ist die bisherige Post in der ehemaligen Michaelskapelle mit der markanten Aufschrift „K. Postamt. Telegraph & Telephon“.
Text: Karl Mair
Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2020/3