Im Garten des Evangelischen Schülerheims an der Rathausstraße, um 1930

um 1930

Im Sommer 1928 begannen die Bauarbeiten für ein Evangelisches Studienheim für Mädchen an der Rathausstraße. Das Evangelisch-Lutherische Stadtpfarramt hatte für das Projekt ein Grundstück der Firma J . A. Hubers Söhne unweit der Mangfallbrücke erworben. Nach Plänen des Rosenheimer Architekten Karl Kugler entstand hier ein stattlicher Walmdachbau, der am 17. März 1929 seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Der Zweck des Baus, so der Hausprospekt, war es, ,,jungen, auswärtigen Mädchen, welche die Rosenheimer höheren Lehranstalten besuchen, nach Möglichkeit das Elternhaus zu ersetzen, und die Zöglinge zu religiösen, sittlich gefestigten, vaterländisch gesinnten, berufstüchtigen, ihrer Verantwortung bewußten Menschen zu erziehen." Damals gab es in Rosenheim mehrere Pensionate für auswärtige Schüler. Das Evangelische Studienheim sollte etwa 30 Mädchen beherbergen. Im Hausprospekt ist ein streng geregelter Tagesablauf nachzulesen: Er begann um 6 .30 Uhr mit Aufstehen, Atemübungen, Morgenandacht und Frühstück. Nach dem Schulbesuch gab es um 12.30 Uhr Mittagessen und danach „zwanglose Erholung im Garten und Haus", bevor man erneut in die Schule ging. Danach fand man sich zum Vesperbrot wieder im Haus ein. Auf einen Spaziergang folgte eine zweistündige Studienzeit. Mit Abendessen und Abendandacht endete der Tag, um 21 Uhr hieß es „Licht aus".
Nach gut zehn Jahren musste das Schülerheim im Frühjahr 1939 geschlossen werden, da die nationalsozialistischen Machthaber die Kontrolle über derartige Einrichtungen ausüben wollten. Ab Herbst 1939 betrieb die Evangelische Gemeinde im Haus ein Altenheim mit dem Namen „Landlstift". Damit erinnerte man an Emma Landl, eine 1921 verstorbene Kaufmannswitwe, die als Stifterin den Bau des Hauses ermöglicht hatte. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus als Altenheim geführt. 1955 baute man einen Gemeindesaal und ein Jugendheim an das Landlstift an. Nachdem 1973 auf dem Grundstück noch ein Neubau eines Seniorenheims mit 100 Plätzen geplant war, wurde das Landlstift schließlich geschlossen. Nach dem Verkauf des Hauses an die Stadt Rosenheim wurden unterschiedliche Nutzungen überlegt. 1987 eröffnete schließlich im renovierten Gebäude die Rosenheimer Geschäftsstelle des Malteser Hilfsdienstes.

Text: Karl Mair
Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2021/7

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