Die Schlosswirtschaft auf dem Rosenheimer Schloßberg, um 1950

um 1950

1604 gab der bayerische Herzog Maximilian I. dem Pflegsverwalter auf Schloss Rosenheim die Erlaubnis, eine Schankstätte beim Schloss zu errichten. In das Gasthaus, das zwischen den Gebäuden der Schlossökonomie entstand, kehrten Besucher des Landgerichts ein und Bauern, die ihren Zehent abliefern mussten. Ab 1706 mit einem Tafernrecht ausgestattet, fanden in der Wirtschaft nun auch Stuhlfeste, Hochzeiten, Tauf- und sonstige Festmähler statt. 1755 wurde die Schlosswirtschaft als behäbiger Satteldachbau neu erbaut. Das Schloss selbst war damals bereits eine Ruine und der Sitz des Landgerichts war längst in den Markt Rosenheim verlegt worden. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wechselten häufig die Besitzer des Gasthauses. 1877 versuchte der Rosenheimer Gastwirt Johann Baptist Jud, die Schlosswirtschaft als Ausflugslokal zu etablieren. Er legte einen Wirtsgarten mit Kastanienbäumen an und baute einen Eiskeller mit darüber liegendem Sommerhaus in aussichtsreicher Lage über dem Inn. Der große Erfolg blieb aus und Jud ging 1882 in Konkurs. Trotzdem gehörte die Schlosswirtschaft damals zu den beliebtesten Zielen im Umfeld der Stadt Rosenheim. Sowohl der Männerturnverein Rosenheim als auch der erste Rosenheimer Trachtenverein „Stamm" wurden in der Schlosswirtschaft gegründet.
Um 1900 gelangte das Gasthaus in den Besitz des Pernlohner-Bräus Thomas Steinbök. Dessen Erben verkauften es nach dem Ersten Weltkrieg an die Münchner Großbrauerei Löwenbräu. Diese ließ 1927 /28 einen großen Saal für bis zu 500 Personen mit Bühne und Nebenräumen anbauen. Mit dem Saal wurde die Schlosswirtschaft zu einem der gesellschaftlichen Mittelpunkte in und um Rosenheim. Hier fanden Theateraufführungen, Konzerte und Faschingsbälle statt. Das veränderte Freizeitverhalten und die Umbrüche in der Gastronomie ab den 1960er Jahren machten auch vor der Schlosswirtschaft nicht Halt. Als die LöwenBrauerei Ende 1976 die bevorstehende Schließung der Gaststätte bekanntgab, sammelte eine Bürgerinitiative in kurzer Zeit rund 1.000 Unterschriften dagegen. „Der Männergesangverein stimmt das Trauerlied an", schrieb das „ Oberbayerische Volksblatt" angesichts der Betroffenheit im Männergesangverein Schloßberg, der hier seit 1909 sein Stammlokal hatte. Zum Jahreswechsel 1977 /78 sperrte die Gaststätte nach fast vier Jahrhunderten endgültig zu. Letzter Schlosswirt war Georg Stahlbauer, dessen ältere Brüder zuvor ebenfalls Pächter der Gaststätte waren. Im Februar 1985 wurden die Gebäude schließlich abgebrochen.

Text: Karl Mair
Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2021/12

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