Die Lipp-Villa in der Heilig-Geist-Straße, um 1935

um 1935

Am nördlichen Rand der Innenstadt, zwischen Herbststraße, Westermayerstraße, Klosterweg und der damaligen Haustätter Straße, die heute zur Heilig-Geist-Straße gehört, entstand ab 1908 ein kleines Villenviertel. Als größtes Haus des Quartiers erhebt sich bis heute die Villa in der Heilig-Geist-Straße 44, an der Ecke zur Westermayerstraße und gegenüber dem Gelände des Ignaz-Günther-Gymnasiums. 1913 errichtete der Architekt und Bauunternehmer Josef Schrettenseger auf eigene Rechnung das stattliche Wohnhaus. Schrettenseger schuf einen plastisch wirkenden Bau, der stilistisch bereits sehr sachliche Züge im Sinne der damaligen Reformarchitektur aufwies. Einige Dekorelemente entsprachen dem sogenannten Heimatstil. Typisch für die Bauzeit war der große, elf Meter hohe Dachaufbau mit einem Mansardgeschoss und darüber liegendem Walmdach. Die vier großzügigen Wohnungen umfassten jeweils vier Zimmer, Küche und Nebenräume. Vom Typ her war das Haus daher eine Mietsvilla, also ein villenartiges Mietshaus. Ende 1913 verkaufte Architekt Schrettenseger das Haus an die Lehrersgattin Maria Lipp, die mit ihrem Ehemann Josef und den beiden Töchtern Anna und Gabriela in eine der Wohnungen gezogen war. Josef Lipp unterrichtete seit 1912 an der Knabenschule an der Königstraße und gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den bekanntesten Rosenheimer Lehrerpersönlichkeiten. 1936 trat er in den Ruhestand, wobei er auch danach noch aushilfsweise als Lehrer arbeitete. 25 Jahre lang war er zudem als Organist in der Kapuzinerkirche tätig. Josef Lipp starb 1944, seine Witwe Maria lebte bis 196 7. Damals wohnten noch die beiden Töchter mit ihren Familien in der Lipp-Villa, wie das Haus lange im Rosenheimer Volksmund genannt wurde. In den 1980er Jahren wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt, ab den 1990er Jahren erfolgten verschiedene Renovierungs- und Umbaumaßnahmen. Sein markantes Erscheinungsbild hat das Haus bis heute behalten.
Das Kalenderbild entstand in den 1930er Jahren. Im Hintergrund sind ganz links die 1902 erbaute, sogenannte Villa Edelweiß, Heilig-Geist-Straße 48, und daneben die um 1930 errichtete Petersen-Villa, Herbststraße 27, zu sehen.

Text: Karl Mair
Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2021/4

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