Der Speisesaal der I. und II. Klasse im Bahnhof, um 1876
um 1876
Am 19. April 1876 ging der neue Rosenheimer Bahnhof in Betrieb. Das von dem Bahningenieur Jakob Graff geplante Empfangsgebäude war mit seinen Seitenflügeln insgesamt 97 Meter lang. „Besonderer Hervorhebung wert erachten wir die mit geräumigen Wartesälen ausgestatteten Hauptgebäude in Ingolstadt Central und Rosenheim“, heißt es in einer Beschreibung der bayerischen Bahnhöfe von 1894. Vor allem der Wartesaal für die I. und II. Klasse des Rosenheimer Bahnhofs war nicht nur äußerst geräumig, sondern auch sehr prunkvoll gestaltet. Das Kalenderbild zeigt den Saal in Blickrichtung der Ausgänge zu den Bahnsteigen. Neben diesem Saal gab es noch einen Wartesaal für die III. Klasse, wobei eine derartige Einteilung in der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts selbstverständlich war.
Aus den Wartesälen mit Bewirtung entwickelte sich im Lauf der Jahre eine gut gehende Bahnhofsrestauration. Laut einem Bericht im „Rosenheimer Anzeiger“ von 1902 debattierte damals der Bayerische Landtag über die vermeintlich viel zu niedrigen Pachtsummen für Bahnhofswirtschaften angesichts der dort zu erzielenden hohen Erträge. Im gleichen Jahr wurde die Rosenheimer Bahnhofsrestauration, vom Gästeaufkommen her angeblich an fünfter Stelle in Bayern, neu ausgeschrieben. Immerhin 160 Bewerber meldeten sich bei der Generaldirektion der Bayerischen Staatseisenbahnen. Den Zuschlag erhielt Georg Karpf, ein gebürtiger Unterfranke und zuletzt Bahnhofsrestaurateur in Weiden in der Oberpfalz. Mit ihm hatte man eine gute Wahl getroffen, denn Karpf betrieb die Gaststätte zusammen mit seiner Ehefrau Berta mehr als 30 Jahre lang. Dem Paar gelang es in dieser Zeit, die Bahnhofsrestauration auch für die Stadtbevölkerung zu einem beliebten Treffpunkt zu machen. Ein Hausball wurde zum festen Bestandteil des Rosenheimer Faschings und am Aschermittwoch traf man sich hier traditionell zum Heringsessen.
Im Zweiten Weltkrieg war der Rosenheimer Bahnhof Ziel von Luftangriffen der Alliierten. Beim schwersten Angriff am 18. April 1945 wurde das Empfangsgebäude fast vollständig zerstört, nur der Ostflügel mit der Bahnhofsrestauration blieb weitgehend erhalten. Nach einer Erneuerung der Räume fanden hier ab 1948 wieder Faschingsbälle, Silvesterfeiern und auch große Modenschauen des Kaufhauses Wilhelm statt. 1955 wurden die Reste des alten Empfangsgebäudes mit der Bahnhofsrestauration abgebrochen und 1957 erfolgte die Fertigstellung des neuen Bahnhofs, zu dem wiederum eine große Gaststätte gehörte.
Text: Karl Mair
Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2020/8