Blick über die Heilig-Geist-Straße auf die Kirchtürme der Altstadt, um 1910
um 1910
Ab den 1890er Jahren waren Ansichtskarten in einer heute kaum mehr vorstellbaren Weise die wichtigsten Vermittler der optischen Eindrücke von Orten und Landschaften. Sie wurden als Massenartikel weltweit verbreitet und gerne gesammelt. Auch die Stadt Rosenheim wurde zum Motiv zahlreicher Ansichtskarten, darunter aufklappbare Großformate, Mehrbild- und Scherzkarten. Beliebte Ansichtskartenmotive waren oft besondere Ausblicke, darunter der Blick vom Schloßberg über den Inn und die Innbrücke auf die Stadt oder die Aussicht vom Turm der Nikolauskirche. Außerdem fotografierte man vom Pernlohner-Keller, von den Kaminen der Saline und vom Haus Prinzregentenstraße 39, der Schmidbräu-Villa, in Richtung Stadtkern.
Auf dem Kalenderblatt ist die Vergrößerung einer Ansichtskarte zu sehen, die den Blick vom Dach des Hauses Heilig-Geist-Straße 40 in Richtung Altstadt zeigt. Das Haus war 1896/97 von dem Münchner Bauunternehmer Andreas Grillmeier erbaut und nach seiner Fertigstellung an den Brauereibesitzer Xaver Stumbeck verkauft worden. Ursprünglich hieß der äußere Teil der Heilig-Geist-Straße ab dem Stadtbach Haustätter Straße, benannt nach dem Haustätter Gut im Norden der Stadt.
Das große Haus rechts erhielt seine charakteristische Form mit den Treppengiebeln im Zuge eines Umbaus 1861. Damals gehörte es dem Maurer Josef Sporer. Spätere Besitzer waren der Handelsgärtner David Schaub, der Metzgermeister Georg Haas und um 1900 der Geflügelhändler Josef Staudhammer. In den 1920er Jahren erwarb Hans Strasser das Anwesen und ließ hinter dem Haus Mietgaragen errichten. Sein gleichnamiger Sohn gründete hier 1946 eine Werkstatt für Fahrrad- und Motorradreparaturen; später entwickelte sich daraus ein Autohaus mit Gasolin-Tankstelle.
Im Hintergrund sind die Türme der Altstadtkirchen zu sehen, rechts davon der hoch aufragende Bau des Mädchenschulhauses. Das Gebäude wurde 1875/76 an der Stelle des einstigen Krankenhauses errichtet und 2000 abgebrochen. Am rechten Bildrand sind die Kuppeln des Gillitzer- Blocks zu erkennen, die damals eine malerische Silhouette bildeten.
Text: Karl Mair
Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2020/11