Bierstübchen im Hotel „Deutscher Kaiser", um 1910
um 1910
Im Jahr 1900 schrieb der Kunsthistoriker Georg Malkowsky über die Bedeutung einer attraktiven Raumgestaltung in der Gastronomie: ,,Wir haben uns daran gewöhnt, in unseren Wirtshäusern mehr zu fordern, als ein gutes Menu und einen tadellosen Trunk. Selbst auf Kosten des Magens geben wir denjenigen Restaurants unter Umständen den Vorzug, die unserem Sinne für äußerliche Eleganz und stimmungsvolle Behaglichkeit durch ihre Einrichtung entgegenkommen." Auch Thomas Gillitzer setzte auf die Wirkung von stimmungsvoller Architektur, als er im März 1897 sein Hotel „Deutscher Kaiser" im Rosenheimer Stadtkern eröffnete. Das Hotel entsprach ganz dem während der Gründerzeit aufgekommenen Bautyp des Palasthotels, das am Vorbild barocker Schlossbauten orientiert war und hier in einem überschaubaren Umfang umgesetzt wurde. Im Erdgeschoss befanden sich der als „Silbersaal" bezeichnete Speiseraum des Hotels und das Cafe, das in den großen, prunkvoll gestalteten Konzert- und Theatersaal überging. Über den Innenhof gelangte man zum Rückgebäude, wo als weitere Attraktion ein „Altdeutsches Bierstübchen" auf Gäste wartete. Gillitzer ließ dafür einen überkuppelten Raum an das ehemalige Hayler-Schlössl anbauen. Dieses Sehlöss! ist bereits im 17. Jahrhundert als Wohnsitz der Rosenheimer Gerichtsschreiber belegt und war ab etwa 1840 im Besitz der Pulverfabrikantenfamilie Hayler. 1893 erwarb Thomas Gillitzer das Sehlöss! samt Gartenanlage, um hier ab 1894 seinen 15 Hausnummern zählenden Häuserblock errichten zu können. Das alte Hayler-Schlössl lag nach dem Bau des Blocks nun im Innenhof des neuen Komplexes und wurde zum Rückgebäude umfunktioniert.
Das Bierstübchen des Hotels „Deutscher Kaiser" machte bei seiner Eröffnung „einen besonders anheimelnden Eindruck", so der „Rosenheimer Anzeiger" . ,,Mit hoher grünlicher Wandvertäfelung und dem grün und weiß gehaltenen Plafond finden sich an freien Plätzen reizende Stillleben angebracht. Auserlesene Exemplare von Geweihen, Hirschköpfe mit monströsen Aufsätzen und ein Venetianer Spiegel vervollständigen die Dekoration des flott gehaltenen Kneipraumes." Auch an den Wänden angebrachte Trinksprüche sollten die Assoziation zu traditionsreichen Brauereigaststätten herstellen. Nicht nur mit den Gasträumen im Hotel „Deutscher Kaiser" setzte Hotelier Gillitzer auf besondere thematische Rauminszenierungen: Auch das dem Hotel angeschlossene „Bismarck-Bad" enthielt unterschiedlich gestaltete Innenräume, vom römischen bis zum maurischen Stil.
Text: Karl Mair
Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2021/6