Die Parkettfabrik von Creszenz Wiesböck

um 1910
Die Parkettfabrik von Creszenz Wiesböck, um 1910

Um 1900 waren Frauen als Unternehmerinnen etwas Außergewöhnliches. In Rosenheim zählte die Parkettfabrikantin Creszenz Wiesböck zu den ersten Frauen an der Spitze eines größeren Betriebs. Creszenz Wiesböck wurde 1860 in München geboren. Ihre Ehe mit dem Sägewerksbesitzer Josef Wiesböck aus Vagen war geschieden worden. 1901 ist Creszenz Wiesböck zum ersten Mal als Inhaberin einer Parkettfabrik an der Äußeren Münchener Straße am Rosenheimer Stadtrand belegt, als sie ein Industriegleis von der Holzkirchner Bahn zu ihrem Betrieb legen ließ. 1903 musste für die Parkettfabrik eine geregelte Arbeitsordnung erlassen werden. Von Montag bis Samstag dauerten die Arbeitstage in dem Betrieb von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Es gab eine einstündige Mittagspause und je eine halbstündige Pause am Vormittag und am Nachmittag. „Blaumachen am Montag oder Wegbleiben ohne Meldung an den übrigen Arbeitstagen ist verboten“, heißt es in der Arbeitsordnung, die den Beschäftigten in gedruckter Form ausgehändigt wurde. Enthalten sind darin auch Vorgaben zum Verhalten der Arbeiter: „Renitentes Benehmen hat die sofortige Entlassung ohne Kündigung zur Folge.“ Der Wochenlohn wurde jeden Samstag um sechs Uhr abends ausbezahlt.
1911 beantragte die Fabrikantin die Errichtung einer eigenen Werkskantine. Nach einem Brand 1913 wurde das Fabrikgebäude erneuert und erweitert. 1914 vereinigte Creszenz Wiesböck ihren Betrieb mit einer Parkettfabrik in Langenargen am Bodensee zur Aktiengesellschaft „Parkett-Fabriken Rosenheim-Langenargen“. 600.000 Quadratmeter Parkettboden produzierten beide Fabriken damals jährlich. Aus der Zeit des Ersten Weltkriegs sind mehrere Geschäftsreisen von Creszenz Wiesböck zum Holzeinkauf nach Niederösterreich und Ungarn belegt. Um 1919 trat schließlich ihr Sohn Josef in die Leitung der Fabrik mit ein und in den folgenden Jahren scheint sie nicht mehr im Unternehmen tätig gewesen zu sein. 1923 verstarb Creszenz Wiesböck im Alter von 63 Jahren. Ihr Betrieb war damals bereits Teil der „Süddeutschen Holzindustrie AG“ mit Sitz in München. Um 1930 stellte die Rosenheimer Fabrik ihren Betrieb ein. Das Fabrikgebäude an der Äußeren Münchener Straße 38 besteht heute nicht mehr.
Das Kalenderbild zeigt Creszenz Wiesböck in der Mitte ihrer Belegschaft vor der Parkettfabrik um das Jahr 1910.

Text: Karl Mair, Stadtheimatpfleger

Quelle: Stadtkalender "Bilder aus Alt-Rosenheim", 2017/2

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